Nicht erst das Chaos beseitigen
- Sofia Shabafrouz

- 19. Aug.
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 21. Aug.
Wie aus einer unerwarteten Lebensphase, beruflichem Stillstand und einem kleinen Ladenlokal die Idee für Chaos & Karriere entstand.

Es gibt diese Lebensphasen, in denen man immer denkt, man müsse erst noch etwas lösen, bevor man anfangen kann.
Erst das Haus ausmisten. Erst wieder richtig fit werden. Erst wissen, wie es beruflich weitergeht. Erst eine gute Kinderbetreuung finden. Erst den Finanzplan vollständig austüfteln. Und dann, irgendwann, wenn alles ordentlich sortiert ist, kann das neue Leben beginnen.
Nur beginnt es dann meistens nicht.
Wenn das bisherige Leben plötzlich nicht mehr passt…
2025 wurde ich mit 42 noch einmal Mutter – ungeplant. Nach sieben Jahren mit einem Kind, nach einer langen Phase, in der sich unser Familienleben längst eingespielt hatte, waren wir plötzlich wieder am Anfang. Wieder Schwangerschaft, wieder Elternzeit, wieder diese sehr eigene Zeit, in der Tage gleichzeitig endlos lang und viel zu kurz sind und man sich behutsam aneinander gewöhnt: an ein neues Baby, an eine neue Rolle, an eine Familie, die nicht mehr dieselbe ist wie vorher.
Unser Sohn musste vom langjährigen Einzelkind zum großen Bruder werden. Wir mussten lernen, unsere Aufmerksamkeit neu zu verteilen. Und ich hatte Zeit für unsere Tochter, tatsächlich viel Zeit, was schön war und wichtig und anstrengend und manchmal alles gleichzeitig.
Trotzdem saß da von Anfang an diese Frage mit im Raum: Wie geht es danach weiter?
Ein Kind zu bekommen, ist nicht nur ein privates Ereignis, auch wenn es gerne so behandelt wird. Es ist eine berufliche Zäsur, zumindest für viele Frauen, und es bringt ziemlich zuverlässig alles durcheinander, was vorher halbwegs funktionierte. Arbeitszeiten, Zuständigkeiten, Einkommen, Pläne, Kräfteverhältnisse, die eigene Vorstellung davon, wer man eigentlich ist und was von diesem früheren Ich nach Schwangerschaft, Geburt und Elternzeit* noch übrig bleibt. (*Wobei diese ja nie endet, nur das Elterngeld.)
Bei mir kam dazu, dass es mir schon vor der Schwangerschaft gesundheitlich nicht gut ging. Ich hatte starke Hüft- und Rückenschmerzen, zeitweise so stark, dass selbst kurze Wege und der normale Alltag und Haushalt schwierig wurden. Vieles blieb liegen. Es folgten Diagnosen, Krankenhaus, Schmerztherapie und die Aussicht auf Operationen, zu denen ich mit Anfang 40 nicht bereit war. Dann eine anstrengende Schwangerschaft, in der mein Körper noch einmal sehr genau beobachtet, bewertet und problematisiert wurde.
Die Geburt verlief wiederum unerwartet leicht. Ich realisierte erneut: ich kann gebären… Und danach geschah etwas Merkwürdiges: Vieles wurde besser.
Nicht magisch, nicht für immer, nicht so, dass ich jetzt eine saubere Vorher-nachher-Geschichte daraus machen könnte. Aber die Schmerzen ließen nach, ich fühlte mich wieder handlungsfähiger, und langsam kam ein Gedanke zurück, den ich lange eher weggeschoben hatte: Vielleicht steckte ich nicht nur körperlich fest. Vielleicht war auch beruflich schon länger kein richtiges Vorankommen mehr da.
Ich hatte über viele Jahre selbstständig in den Bereichen Kommunikation, Redaktion, Video und Storytelling gearbeitet, zuletzt auch in einer befristeten Anstellung. Ich kann Ideen entwickeln, Geschichten erzählen, Projekte aufsetzen, Menschen sichtbar machen. Was ich offenbar weniger gut kann: mich selbst jahrelang in einem Zustand einrichten, der zwar irgendwie funktioniert, aber nicht mehr richtig passt.
Wir wollten unser Kind noch bei uns haben. Aber auch arbeiten.
Das Homeoffice war lange praktisch. In der neuen familiären Konstellation funktionierte mein offenes Büro auf einer Empore über dem Wohnzimmer nicht mehr. Und auch für meinen Mann wurde ruhiges und konzentriertes Arbeiten im Tonstudio von zu Hause immer schwieriger. Arbeit und Familie lagen ständig übereinander, alles war immer da, aber nichts hatte einen wirklichen Ort. Und nach der Geburt unserer Tochter war für uns ziemlich schnell klar, dass wir sie nicht mit einem Jahr in die Kita geben wollten. Das hatte mit unserer Haltung zu tun, aber auch mit der Realität: wenige Plätze, hohe Kosten, starre Modelle, eine Betreuungslage, die oft so tut, als seien Familien grundsätzlich problemlos in vorgefertigte Zeitfenster einzupassen.
Wir wollten unser Kind noch bei uns haben. Wir wollten aber auch arbeiten. Beide selbstständig. Es musste also eine Lösung her.
Nicht die große Lösung für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, dafür bin ich nun wirklich nicht zuständig, und ehrlich gesagt auch nicht qualifiziert. Ich habe Vereinbarkeit nicht gemeistert. Ich habe keine Morgenroutine, die alle Probleme beseitigt, keinen Fünf-Punkte-Plan und auch keine Lust, anderen Eltern zu erklären, wie sie ihr Leben effizienter organisieren sollen.
Was ich habe, ist einen ziemlich ausgeprägten Drang, Dinge, die mir fehlen, notfalls selbst zu verwirklichen. So war es schon bei einer Stadtteil-Community, die ich initiiert habe, weil es bei uns im Viertel wenig Begegnung und keinen richtigen Spielplatz gibt. (Aber das ist eine andere Geschichte, die ich hier mal erzählen kann.) Und so wurde aus der Frage, wo und wie ich künftig arbeiten möchte, langsam eine Idee für einen Raum.
Aus einer Idee wurde plötzlich ein Mietvertrag
„Es bräuchte einen Ort, an dem Eltern mit Kind arbeiten können, ohne dass das Kind dabei als Störung gilt“, dachte ich mir. Einen Ort für Fokuszeit, wenn das Kind gerade nicht dabei ist. Einen Ort für Austausch, Workshops, eigene Angebote, Gedanken, die nicht zwischen Wäscheständer und Küchentisch verloren gehen. Einen Ort, der nicht behauptet, Arbeit und Familie ließen sich mühelos miteinander verbinden, sondern der wenigstens versucht, beiden einen Platz zu geben: Arbeiten. Spielen. Ankommen. Wachsen.
Zwischendurch hatte ich natürlich größere Vorstellungen. Mehr Räume, getrennte Bereiche, eine gemeinschaftlich finanzierte Betreuung, großzügige Arbeitsplätze, einen richtigen Community Space, vermutlich noch ein Café und drei Förderprogramme dazu. Es ist erstaunlich, wie schnell eine Idee im Kopf größer wird, wenn man noch keine Miete dafür zahlen muss.
Das nötige Kapital hatte ich allerdings nicht. Und auch die nicht die Kapazitäten, etwas so Großes so schnell auf die Beine zu stellen, wie ich es selber für mich – für uns – brauchte.
Dann sah ich, dass ein kleines Ladenlokal mitten in Schriesheim zu mieten war. Hell, zentral, sichtbar, bezahlbar. Definitiv nicht der Raum, den ich mir langfristig vorstelle. Er ist klein. Er bringt nicht alles mit. Aber er war da.
Und irgendwann stand ich vor der Entscheidung, die ich sonst gerne vertage: Warte ich weiter auf den perfekten Raum, das perfekte Konzept und den Moment, in dem mein Leben überraschend vollständig aufgeräumt ist? Oder fange ich mit dem an, was möglich ist? Ich entschloss mich, das Lokal anzumieten.
Das klingt im Nachhinein konsequent. In Wirklichkeit war es eine Entscheidung, die ich Hals über Kopf getroffen habe, aus einer Mischung aus Vorfreude, überzogener Selbstüberzeugung und dem Gefühl, mich nach vielen Jahren Homeoffice endlich wieder aus meiner Komfortzone herauszubewegen. Die Zweifel kamen danach: Ich wusste nicht, ob das Konzept angenommen wird. Ich weiß es noch immer nicht. Gründen hat ja wenig mit Gewissheit zu tun und erstaunlich viel damit, Entscheidungen zu treffen, bevor alle Informationen vorliegen. Zwischen Idee und Wirklichkeit liegen tausend davon:
Einen Namen festlegen.
Ein Gewerbe anmelden.
Einen Finanzplan schreiben.
Offizielle Anträge stellen.
Preise festlegen.
Wieder verwerfen.
Noch einmal rechnen.
Sich beraten lassen.
Sich fragen, ob man völlig bescheuert ist.
Am nächsten Morgen trotzdem weitermachen.
Ich habe Unterstützung beim GIG7 Kompetenzzentrum Female Business in Mannheim gesucht, weil mir gefühlt jede Gründerin, der ich in letzter Zeit begegnet bin, dazu geraten hatte. Dort habe ich mit Sabine Joos an meinem Konzept und vor allem am Zahlenteil gearbeitet, bei dem ich deutlich weniger souverän war als beim Schreiben des Businessplans. Mein Antrag auf Gründungszuschuss ist inzwischen raus. Allein dieser Satz enthält mehr Formulare, Tabellen und innere Überwindung, als man ihm ansieht.

Ein Raum voller Möglichkeiten
Parallel begann der Raum, sich zu verändern.
Ganz am Anfang war er leer, und gleichzeitig schon voller Möglichkeiten. Ich habe ihn ausgeräuchert, weil ich glaube, dass Räume Energien speichern und weil jeder Neuanfang sein eigenes kleines Ritual verdient. Ich habe in mein Wunschbuch geschrieben, wie sich dieser Ort anfühlen soll, noch bevor Möbel darin standen.
Unsere Tochter machte ausgerechnet dort ihre ersten freien Schritte, mitten in diesem noch vollkommen leeren Raum, während ich selbst versuchte, meine nächsten beruflichen Schritte zu setzen. Das wäre selbst mir als Bild fast zu symbolisch, wenn es nicht genau so passiert wäre.
Inzwischen ist aus dem leeren Laden langsam ein Ort geworden. Noch nicht fertig, vermutlich niemals vollständig fertig, aber benutzbar, sichtbar und echt. Ein Raum für Eltern, Selbstständige, kleine Gruppen und Menschen, die arbeiten, etwas anbieten oder sich begegnen möchten. Ein Raum, der auch mein eigenes Büro ist. Ein Raum, in dem ich ausprobieren kann, welche Angebote tatsächlich gebraucht werden und welche nur in meinem Kopf gut klingen.
Klein anfangen, bevor alles perfekt ist.
Chaos & Karriere ist deshalb kein fertig ausgedachtes System, das jetzt nur noch ausgerollt wird. Es ist ein Anfang. Ein kleines, bewusst begrenztes Modell, mit überschaubarem Risiko und viel Raum zum Lernen. Vielleicht funktioniert einiges nicht. Vielleicht werden Angebote anders genutzt, als ich es geplant habe. Vielleicht wächst daraus irgendwann ein größerer Ort. Vielleicht zeigt mir diese erste Phase auch sehr deutlich, was es nicht braucht. Das gehört dazu.
Ich glaube inzwischen nicht mehr, dass man erst sein ganzes Chaos beseitigen muss, bevor etwas Neues entstehen kann. Manchmal ist das Chaos nicht das Hindernis, sondern das Material. Die ungeklärten Fragen, die Umwege, die Lebensphase, die plötzlich andere Lösungen verlangt. Vielleicht muss man nicht warten, bis alles zusammenpasst. Vielleicht kann man anfangen und schauen, was sich beim Gehen zusammenfügt.
Ich starte klein.
Aber ich starte jetzt.
Die Geschichte geht weiter
Auf diesem Blog und auf Instagram erzähle ich meine Gründungsgeschichte Schritt für Schritt weiter: vom leeren Ladenlokal über Zweifel, Entscheidungen und kleine Rituale bis zu dem, was aus Chaos & Karriere langsam wird.
Einige dieser Beiträge findest Du auch direkt hier im Blog eingebettet. Für alles, was zwischendurch passiert, folge mir auf Instagram: @chaosundkarriere
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